KI ist auch nur ein Mensch – Wie echte AI‑Transformation gelingt 1/4
Von Michael Timmermann, veröffentlicht am 20 Januar 2026
„Wir sind bei KI vorn dabei, wir haben schon KI-Tools eingeführt“ – eine Reaktion, die viel verrät
„Wir sind bei KI vorn dabei, wir haben schon KI-Tools eingeführt“ – das ist die wohl häufigste Aussage, wenn ich mich mit Menschen über KI in ihrer Organisation unterhalte. In diesem Satz steckt viel: Z. B. der Irrtum, KI-Tools einzuführen würde dem Bedarf gerecht. Der Druck schnell irgendwas zu machen, um vorn dabei zu sein. Und das Missverständnis, irgendetwas Unfertiges einzuführen genüge, um es modernerweise „MVP“ zu nennen.
Wer bez. KI vorne dabei sein will, der muss die KI-Transformation seiner Organisation vorantreiben.
Das werden wir uns im Folgenden genauer anschauen. Aber beginnen wir mit dem was aktuell viele beschäftigt: KI-Tools.
Die KI-Tool‑Flut und ihre versteckten Champions
Wir werden von KI‑Tools regelrecht überschwemmt: 20-30 neue pro Tag laut TAAFT-KI-Tool-Datenbank. Aber niemand kennt sie alle. Vor kurzem habe ich eine Umfrage gemacht: Welche Logos erkennt ihr? Das Ergebnis war aufschlussreich: ChatGPT und Perplexity lagen ganz vorne; Microsoft Copilot und Gemini tauchten vereinzelt auf; Grammarly, trotz seiner 30 Millionen täglichen Nutzerinnen und Nutzer, war kaum jemandem ein Begriff; und Baidus ERNIE Bot aus China sowie Claude von Anthropic werden immer bekannter. Und dann war da noch unhamster, unsere eigene Coach‑AI, die vielen bekannt war – das lag vermutlich auch daran, dass viele Befragte uns als Timmermann kannten.
Die meisten Organisationen denken, sie hätten „KI eingeführt“, wenn sie ein AI‑Tool freischalten – doch damit sind sie weit entfernt von einer KI-Transformation.
Ryt Bank: Wie AI‑native Organisationen funktionieren
In 10-20 Jahren werden sich die meisten Organisationen als „AI first“ aufgestellt sein. Doch andererseits ist diese AI-first-Zukunft näher als es auf den ersten Blick wirkt – denn es gibt sie schon.
Nehmen wir das Beispiel Ryt Bank aus Malaysia – ein Finanzinstitut, das seit Gründung AI-first aufgebaut wurde. Das Unternehmen zeigt, was möglich ist, wenn man nicht nur ein Tool implementiert, sondern die Organisation um KI herum neu baut:
- Onboarding und Personalisierung: Neuregistrierungen laufen vollständig über KI. Die KI erkennt Bedarfe, bewertet Risiken und formuliert Gesprächsverläufe. Kund*innen erleben personalisierte Interaktionen, oft ohne zu merken, dass sie mit einer Maschine kommunizieren.
- Risikobewertung und Kreditentscheidungen: Kleine Kredite werden automatisiert vergeben. Die KI berechnet Risiko und Preis in Sekundenbruchteilen. In Europa ist es regulatorisch nicht erlaubt, Preise dynamisch in Echtzeit zu variieren – in Malaysia geht das. Das zeigt, wie stark lokale Regulation den Einsatz von KI prägt.
- IT‑Sicherheit und End‑to‑End‑Automatisierung: Die Ryt Bank setzt KI gezielt in der IT-Sicherheit und der End-to-End-Automatisierung ein. Die KI überwacht die IT-Architektur, verteilt Systemlasten, erkennt Störungen frühzeitig und leitet Verbesserungen ab. Gleichzeitig sind die Prozesse vom ersten Kontakt bis zur Auszahlung durchgängig automatisiert, sodass Vertrieb und Risikologik nahtlos zusammenspielen.
- Kontinuierliches Lernen: Daten aus dem Markt und dem Tagesgeschäft werden permanent aktualisiert und in die Prozesse eingebunden. Die Algorithmen sorgen für ein kontinuierliches Lernen.
Klar, die Ryt Bank ist keine etablierte Organisation, die sich aufwendig transformiert hat, sondern AI‑native, was einfacher ist. Für etablierte Organisationen ist der Prozess einer Transformation aufwändiger.
Ist für etablierte Organisationen damit alles verloren?
Meine Antwort ist ein klares „Nein.“
Etablierte Organisationen können auf vier Faktoren setzen:
- Markentreue
Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Veränderungen versuchen wir zu vermeiden und bei uns bekannten Marken und Produkten wissen wir, was wir erhalten. Da muss das Neue schon als weitaus besser wahrgenommen werden. Beispielsweise wechseln nur circa 9% der Kunden pro Jahr ihr Hauptbankkonto.
- Trägheit der Massen
Ja, „(fast)alle machen AI“, aber nur ein geringer Anteil „macht” AI wirklich strategisch und skaliert. Laut einer Umfrage halten bisher nur 1% ihr Unternehmen als „AI-reif“ (vgl. IBM Studie 2025). Eine andere Umfrage ergab, dass lediglich 16% AI-Initiativen bisher skaliert wurden (vgl. McKinsey & Company 2025). Das zeigt: Es ist noch nicht zu spät - aber es wird Zeit.
- Es ist weitere AI-Entwicklung notwendig
AI kann in drei Entwicklungsstufen eingeteilt werden:
- Artificial Narrow Intelligence (ANI) ist das, was wir aktuell haben und beschreibt KI, die Aufgaben nach ganz klar vordefinierten Regeln ausführt und nur in spezifischen Bereichen an menschliche Intelligenz herankommt
- Artificial General Intelligence (AGI) beschreibt KI, die Probleme eigenständig lösen und Wissen domänenübergreifend anwenden kann – auf menschlichem Intelligenzniveau
- Artificial Super Intelligence (ASI) beschreibt eine KI, die in allen Intelligenzbereichen den Menschen übertrifft
Je nachdem, wen man fragt, dauert es bis zur Entwicklung der nächsten AI-Stufe, also AGI, noch 5 Jahre (Silicon Valley) bis 25 Jahre (Wissenschaft).
Leap-Frogging
Organisationen können verpasste Entwicklungen überspringen, beispielsweise, wenn sie ohnehin in einem Umbruch stecken und grundlegende Aspekte ihres Operating-Models umstellen. Damit können sie aus ihrer nachteiligen Situation verhältnismäßig schnell „vor die Welle“ kommen. Ein Beispiel dafür finden wir bei M-Pesa, einem Mobile Banking Angebot aus Kenia. Gegründet von Safaricom und Vodafone, zwei Kommunikationsdienstleistern, haben sie das Banking in Kenia und weiteren Teilen Afrikas revolutioniert, sodass heute circa 79% aller Kenianer M-Pesa als Hauptkonto nutzen. Kaum jemand hatte ein traditionelles Bankkonto – und plötzlich haben viele ein mobiles Konto auf dem Smartphone.
Quellen:
- IBM: IBM Studie: CEOs setzen auf KI und bewältigen gleichzeitig die Herausforderungen für Unternehmen, 6. Mai 2025, online unter: https://de.newsroom.ibm.com/2025-05-06-IBM-Studie-CEOs-setzen-auf-KI-und-bewaltigen-gleichzeitig-die-Herausforderungen-fur-Unternehmen (letzter Zugriff: 20.01.2026)
- McKinsey & Company: Superagency in the Workplace – Empowering People to Unlock AI’s Full Potential, Januar 2025, online unter:
https://www.mckinsey.com/capabilities/tech-and-ai/our-insights/superagency-in-the-workplace-empowering-people-to-unlock-ais-full-potential-at-work
(zuletzt abgerufen am 20.01.2026)


