Achtsamkeit im Job: Weich wie Wasser - stark wie Wandel
Von Clara Scheufler, veröffentlicht am 07 Januar 2026
Warum wir über Achtsamkeit sprechen
Wir, Clara Scheufler und Philipp Ischebeck, sind Change‑Berater*innen bei Timmermann, und wissen beide aus Erfahrung, dass Achtsamkeit eine wichtige Rolle spielt. Dabei nähern wir uns dem Thema von unterschiedlichen Seiten: Philipp hat viel Zeit in buddhistischen Meditationszentren und Yoga‑Ashrams verbracht, während Clara im Psychologiestudium Achtsamkeit im Unternehmenskontext untersucht hat. Für uns ist Achtsamkeit kein Hobby, sondern ein Bestandteil unseres Lebens und unserer Arbeit.
Weich wie Wasser – stark wie Wandel
„Weich wie Wasser, stark wie Wandel“ – diesen Titel haben wir bewusst gewählt. Wasser wirkt sanft, aber es formt Felsen, gräbt Canyons und liefert zum Beispiel in Norwegen 90 % der Energie (vgl. Norwegen Strommix 2024/2025). Achtsamkeit wird ebenso als „weich“ angesehen und in Business-Kontexten belächelt, besitzt aber enorme Kraft, wenn sie in Change‑Prozessen eingesetzt wird. Als Berater*innen erleben wir täglich, dass gerade weiche Faktoren den Unterschied machen.
Was Achtsamkeit bedeutet
Wissenschaftliche Definitionen zerlegen Achtsamkeit in Komponenten wie Selbstregulation der Aufmerksamkeit und eine Haltung von Neugier, Akzeptanz und Offenheit (vgl. Bishop et al. 2004: 230-241). Wir orientieren uns an Jon Kabat‑Zinn: Achtsamkeit heißt, im gegenwärtigen Moment bewusst und präsent zu sein, mit einer Haltung der Freundlichkeit und Offenheit (vgl. Kabat-Zinn 2019). Das umfasst zwei Elemente:
- Präsenz: bewusst im Hier und Jetzt zu sein.
- Haltung: dem, was auftaucht, mit Akzeptanz und Offenheit zu begegnen.

Mythen: Meditation und leerer Geist?
Viele glauben, Achtsamkeit sei dasselbe wie Meditation oder bedeute, nichts zu denken. Aber während Meditation eine Praxis ist, die Achtsamkeit fördern kann, ist sie nicht die einzige Möglichkeit. Man kann Achtsamkeit auch durch achtsames Gehen, Sprechen oder Zuhören üben. Und es geht nicht darum, den Geist zu leeren – vielmehr üben wir, Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, ohne sie sofort ändern zu wollen (vgl. Brown et al. 2007: 211-237 und Jamieson et al. 2017: 180-193).
Warum Achtsamkeit im Job relevant ist
Eine Harvard‑Studie zeigte: Unsere Gedanken schweifen fast die Hälfte der Wachzeit ab, nämlich 47 %. Und wir sind unglücklicher, wenn wir nicht im Moment sind – selbst bei positiven Gedanken (vgl. Killingsworth 2010: 330, 932). Wer mehr im Hier und Jetzt ist, steigert sein Wohlbefinden (vgl. Chang et al. 2015: 1150; Lomas et al. 2019: 627; Vonderlin et al. 2020: 1580). Das macht Achtsamkeit gerade im Berufsalltag so wertvoll.
Wissenschaftliche Evidenz
Seit den 2000er Jahren lässt sich eine wachsende Zahl an Publikationen von empirisch wissenschaftlichen Artikeln und Medienartikeln zu den Themen Achtsamkeit und/oder Meditation beobachten (vgl. van Dam et al. 2018). Studien zeigen, dass Achtsamkeit Stress reduziert (vgl. Janssen et al. 2018), Resilienz stärkt (vgl. Xu et al. 2025) und Emotionsregulation verbessert (vgl. Bishop et al. 2004; Glomb et al. 2011; Shapiro et al. 2006). Ein achtwöchiges Programm für Promotionsstudierende erhöhte zum Beispiel die Achtsamkeit und senkte emotionale Belastungen (vgl. Xu et al. 2025).
Physiologisch betrachtet sinken Cortisol und Blutdruck (vgl. Matousek et al. 2010; Conversano et al. 2021; Lee et al. 2020); Bildgebende Verfahren zeigen Veränderungen in Hirnregionen für Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle (vgl. Esch 2014; Hölzel et al. 2011) sowie eine reduzierte Aktivität in Stresszentren wie der Amygdala (vgl. Lutz et al. 2014). Auch Schlaf, Immunsystem und Lebensqualität profitieren (vgl. Rusch et al. 2019; Black & Slavich 2016; de Vibe et al. 2017).
Der Business Case für Achtsamkeit
Eine Vielzahl von Studien belegt, dass Achtsamkeit sich positiv auf das Wohlbefinden von Mitarbeitenden auswirkt (vgl. Vonderlin et al. 2020: 1579-1598; Michaelsen et al. 2021: 45; Lomas et al. 2019: 625-640). Auch eine für eher harte Faktoren bekannte Unternehmensberatung wie McKinsey erkennt drei Gründe, warum Unternehmen in Achtsamkeit investieren sollten: höherer Produktivität, weniger Fehlzeiten, geringeren Gesundheitskosten und besserer Mitarbeiterbindung (vgl. McKinsey Health Institute 2025). Eine große Versicherung ermittelte, dass Mindfulness‑Trainings jede Woche 62 Produktivitäts‑Minuten pro Mitarbeiter*in bringen (vgl. SIGMA Assessment Systems 2019). Mindfulness hilft Mitarbeitenden, schneller zum Fokus zurückzukehren, und ist mit Innovations‑, Problemlöse- und Verhandlungskompetenz verbunden (vgl. Slutsky et al. 2019; Khan & Abbas 2022; Forjan et al. 2020; Pérez-Yus et al. 2020).
Programme wie das von SAP in Zusammenarbeit mit Google zeigen, dass in Achtsamkeit investiertes Kapital sich vielfach auszahlt (vgl. SIGMA Assessment Systems 2019; Search Inside Yourself Leadership Institute [SIY] o. J.). Jede Steigerung des Engagements und des Business‑Health‑Index bringt bei SAP Millionen an Gewinn, und Verbesserungen bei Mitarbeiter*innen Engagement, Fokus und Stressreduzierung wirken sich direkt auf die Geschäftsergebnisse aus. SAP ermittelte dafür einen ROI von 1:2; eine Versicherung 1:11; die WHO schätzt das durchschnittliche Verhältnis von Investment zu Ertrag auf 1:4. Studien berichten bis zu 11 % Umsatzsteigerung (vgl. SIGMA Assessment Systems 2019).

Praktische Umsetzung: Kleine Impulse
Achtsamkeit braucht keinen Lotussitz und keine halbe Stunde. Schon sieben Minuten pro Tag zeigen laut Studien Wirkung (vgl. Möltner et al. 2018). So integrieren wir bei uns Achtsamkeit in unseren Alltag und in die Arbeit mit Klient*innen:
- Mindful Check‑ins: Zu Beginn eines Meetings fragen wir: Wie komme ich an? Was bringt mich gerade hierher? Eine Minute Stille hilft, im Raum anzukommen
- Mini‑Meditationen: Drei bewusste Atemzüge am Anfang eines Termins oder während des Wartens schaffen Klarheit und Präsenz
- Programme & Routinen: In längeren Achtsamkeitsprogrammen starten wir mit einem Kick‑off, vermitteln Übungen und etablieren regelmässige Praxis, oft mit Peer‑Gruppen. Routinen wie der Tee am Morgen werden achtsam zelebriert
- Top Team Journey: In Offsite‑Workshops mit Top‑Führungskräften nutzen wir Achtsamkeit, um Strategieklausuren und Teamentwicklung zu vertiefen
- Katalysator im Change: Achtsamkeit kann als Katalysator in anderen Transformationen dienen – von IT‑Projekten bis Kulturwandel
Umgang mit Widerstand
Widerstände sind normal. Wir haben gelernt: 
- Freiwilligkeit und Vorbild: Niemand lässt sich zu Achtsamkeit zwingen. Wir laden ein und leben vor – zum Beispiel meditieren wir fünf Minuten und sprechen erst dann über die Erfahrungen
- Strukturen statt To‑dos: Mindful Minutes vor Check‑ins oder Apps senken die Einstiegshürde. Wichtig ist, dass Achtsamkeit nicht noch ein Punkt auf der To‑do‑Liste wird
- Change‑ und Achtsamkeits‑Agents: Enthusiastische Kolleg*innen tragen die Praxis weiter und zeigen ihren Nutzen
- Raum für Skepsis: Menschen, die Achtsamkeit ablehnen, müssen nicht überzeugt werden; ohne eigene Bereitschaft bringt die Praxis wenig
Empfehlungen & Ressourcen
Als Einstieg können Apps wie Seven Mind hilfreich sein. Es gibt zahlreiche Bücher und Podcasts – wir hören gern On Purpose von Jay Shetty. Sprecht uns an, wenn ihr Literatur- oder Trainings‑Tipps braucht; wir passen Empfehlungen individuell an.
Fazit: Achtsamkeit als Führungsqualität und Change‑Katalysator
Achtsamkeit erscheint weich, aber wie Wasser formt sie Felsen und bewegt scheinbar Unbewegliches. Forschung und Praxis zeigen messbare Effekte auf Stress, Resilienz und Geschäftsergebnisse. In unserem Beratungsalltag sehen wir: Organisationen mit achtsamer Kultur gestalten Veränderungen erfolgreicher. Als Change‑Berater*innen bei Timmermann unterstützen wir Klient*innen dabei, Achtsamkeit ins Unternehmen zu bringen – pragmatisch, wissenschaftlich fundiert und menschlich.
Quellen:
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